Warum du nicht zu sensibel bist
Und weshalb deine Feinfühligkeit eine Stärke sein kann
Marie Christine Prosch
8/2/20266 min read


Wenn dir schon einmal gesagt wurde, dass du "zu sensibel" bist
"Jetzt stell dich doch nicht so an."
"Du denkst einfach zu viel nach."
"Du bist viel zu empfindlich."
"Nimm dir das nicht immer so zu Herzen."
Vielleicht hast du einen dieser Sätze schon unzählige Male gehört. Von deinen Eltern. Von einer Lehrerin. Von deinem Partner. Von Freunden. Oder vielleicht sagst du ihn inzwischen sogar selbst zu dir. Mit der Zeit beginnt etwas in uns zu glauben:
"Mit mir stimmt etwas nicht."
Also versuchst du, weniger zu fühlen, dich zusammenzureißen, nicht mehr so schnell zu weinen, nicht mehr alles so persönlich zu nehmen oder einfach "stärker" zu sein. Doch was wäre, wenn genau das gar nicht die Lösung ist? Was wäre, wenn deine Feinfühligkeit gar kein Fehler ist – sondern eine Fähigkeit, die bisher einfach nie den richtigen Raum bekommen hat?
Denn sensibel zu sein bedeute nicht auch schwach zu sein. In unserer Gesellschaft wird Stärke leider oft mit Härte verwechselt. Wer funktioniert, wer immer ruhig bleibt, wer alles im Griff hat, wer keine Gefühle zeigt gilt häufig als stark. Doch Gefühle zu haben, macht dich nicht schwach, sie machen dich menschlich. Feinfühlige Menschen nehmen ihre Umwelt oft besonders intensiv wahr. Denn sie bemerken Stimmungen wo andere wie wie abgestumpft sind. Sie hören Zwischentöne. Kleine Veränderungen in der Körpersprache. Sie spüren häufig sehr früh, wenn sich etwas verändert. Diese Wahrnehmung kann unglaublich wertvoll sein. Sie kann aber auch anstrengend und erschöpfend für uns sein, wenn wir nie gelernt haben, gut mit ihr umzugehen.
Vielleicht liegt der Grund warum wir unsere sensible Seite als nicht richtig empfinden daran, dass wir nie gelernt haben unserer Wahrnehmung zu vertrauen.
Viele solcher empfindsamen Frauen erzählen etwas sehr Ähnliches. Schon als Kinder hatten sie das Gefühl, Dinge wahrzunehmen, die andere übersahen. Sie merkten, wenn die Stimmung zu Hause angespannt war. Sie spürten, wenn jemand traurig war. Sie nahmen Konflikte wahr, auch wenn niemand darüber sprach.
Doch statt zu hören: "Du hast ein gutes Gespür."
hörten sie oft: "Du bildest dir das ein.", "Jetzt übertreibst du aber." oder "Das ist doch gar nicht so."
Mit der Zeit beginnt ein Kind dann, an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.
Es lernt:"Ich kann mir selbst nicht vertrauen."
Und genau dieser Zweifel begleitet viele Frauen bis ins Erwachsenenalter.
Doch wir dürfen hier unterscheiden: Feinfühligkeit ist etwas anderes als emotionale Überforderung.
Ein Missverständnis begegnet mir immer wieder: Viele Frauen glauben, sie seien hochsensibel, obwohl sie eigentlich dauerhaft überlastet sind. Natürlich kann beides zusammen auftreten. Doch emotionale Erschöpfung ist nicht automatisch dasselbe wie Feinfühligkeit. Wenn dein Nervensystem über längere Zeit unter Anspannung steht, nimmst du deine Umgebung oft intensiver wahr. Du bist schneller erschöpft, leichter reizbar und empfindlicher gegenüber Geräuschen, Konflikten oder Kritik. Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf deine Sensibilität zu schauen, sondern auch auf dein inneres Stresslevel.
Wenn dich dieses Thema interessiert, lies auch meinen Artikel Wie dein Nervensystem deine Beziehungen beeinflusst.
Warum feinfühlige Frauen sich häufig selbst verlieren
Viele sensible Frauen haben früh gelernt:"Ich merke zuerst, wie es allen anderen geht."
Sie nehmen eben extrem stark die Bedürfnisse ihres Umfeldes wahr. Sie helfen. Sie vermitteln. Sie trösten. Sie verstehen.
Doch dabei passiert oft etwas Entscheidendes: Sie verlieren den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen.
Und vielleicht kennst auch du das. Du kannst genau sagen, was dein Partner braucht. Du weißt sofort, wenn deine Freundin traurig ist. Aber wenn dich jemand fragt:"Und wie geht es dir eigentlich?" ..musst du erst überlegen. Nicht weil du keine Gefühle hast, sondern weil du dich so sehr auf andere konzentriert hast.
Wenn du dich darin wiedererkennst, könnte auch mein Artikel People Pleasing – Warum du es allen recht machen möchtest spannend für dich sein.
Besonders spannend wird es, wenn Sensibilität auf alte Verletzungen trifft. Denn manchmal ist es nicht nur deine Feinfühligkeit, die eine Situation so intensiv macht. Manchmal wird gleichzeitig eine alte Erfahrung berührt. Da reicht dann vielleicht schon eine kurze Nachricht. Ein distanzierter Blick. Ein abgesagtes Treffen. Und plötzlich fühlt sich dein Herz an, als würde es auseinanderbrechen.
Nicht, weil du übertreibst, sondern weil dein Inneres eine bestimmte Erfahrung wiedererkennt.
Vielleicht erinnert dich die Situation unbewusst an Momente, in denen du dich früher allein, nicht gesehen oder nicht wichtig gefühlt hast. Genau dann reagiert nicht nur die erwachsene Frau in dir, sondern auch ein jüngerer Anteil, der sich doch so sehr nach Sicherheit sehnt.
Wenn du tiefer verstehen möchtest, wie frühe Erfahrungen unsere Beziehungen beeinflussen können, empfehle ich dir meinen Artikel Mutterwunde – Was sie bedeutet und wie sie deine Beziehungen prägen kann.
Deine Feinfühligkeit ist also nicht das Problem, denn die eigentliche Herausforderung ist häufig nicht deine Sensibilität, sondern dass du nie gelernt hast, wie du gut mit ihr umgehen kannst.
Vielleicht hast du gelernt:
Gefühle anderer wichtiger zu nehmen als deine eigenen.
Verantwortung für die Stimmung im Raum zu übernehmen.
Konflikte möglichst zu vermeiden.
dich anzupassen, um dazuzugehören.
Dann fühlt sich Feinfühligkeit irgendwann wie eine Last an. Dabei ist sie doch eigentlich eine besondere Fähigkeit. Eine Fähigkeit, die Grenzen braucht. Ruhe. Selbstfürsorge. Und Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Wie kannst du deine Feinfühligkeit aber nun als Stärke leben?
1. Glaube deiner Wahrnehmung
Du musst nicht jede Situation perfekt einschätzen. Du darfst aber lernen, deiner Intuition wieder zuzuhören. Nicht alles, was du fühlst, muss sofort erklärt werden. Manches darf einfach wahrgenommen werden.
2. Frage dich häufiger:
"Was brauche ich gerade?" Nicht:"Was brauchen die anderen?" Diese kleine Frage verändert mit der Zeit unglaublich viel.
3. Lerne, Grenzen als Selbstfürsorge zu verstehen
Grenzen bedeuten nicht, andere wegzustoßen. Sie bedeuten, dich selbst nicht zu verlieren.Denn sie geben dir und deinem Innersten einen stützenden Rahmen. Jedes Nein zu etwas, das dir nicht guttut, ist gleichzeitig ein Ja zu dir selbst.
4. Erlaube dir Pausen
Feinfühlige Menschen verarbeiten oft viele Eindrücke. Deshalb brauchen sie bewusst Zeiten ohne Reize. Ein Spaziergang. Ein gutes Buch, am besten eine wirklich leichte Lektüre. Entspannende Musik. Natur. Stille.
Nicht, weil sie schwach sind, sondern weil ihr Nervensystem diese Momente braucht um zu regenerieren.
5. Höre auf, dich mit anderen zu vergleichen
Vielleicht wirst du nie die Frau sein, die Konflikte einfach abschüttelt, die nichts berührt. Die Frau, die immer laut ist. Und das musst du auch nicht, denn deine Stärke liegt vielleicht eben genau darin, dass du tief fühlst, dass du echte Verbindung schaffst und dass Menschen sich bei dir verstanden fühlen.
Soft Dissolving – Für Frauen, die aufhören möchten, gegen sich selbst zu kämpfen
Viele Frauen kommen zu mir mit dem Wunsch:
"Ich möchte endlich weniger fühlen."
Doch im Laufe unserer gemeinsamen Arbeit verändert sich dieser Wunsch oft.
Er wird zu:
"Ich möchte lernen, gut mit meinen Gefühlen umzugehen."
Denn das Ziel ist nicht, weniger zu fühlen. Es ist vielmehr, dich von deinen Gefühlen nicht mehr überwältigen zu lassen.
In Soft Dissolving begleite ich Frauen dabei, ihre Beziehung zu sich selbst neu aufzubauen, alte Muster zu verstehen, mehr innere Sicherheit zu entwickeln und ihre eigene Feinfühligkeit nicht länger als Schwäche anzusehen, sondern als einen Teil ihrer Stärke.
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➡ Soft Dissolving – Dein Weg zurück zu dir
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Vielleicht bist du also gar nicht zu sensibel.
Vielleicht hast du einfach sehr lange versucht, in einer Welt zu funktionieren, die Gefühle oft lieber negativ bewertet als versucht sie zu verstehen. Vielleicht musst du gar nicht lernen, weniger zu fühlen. Vielleicht darfst du lernen deine Feinfühligkeit liebevoll zu halten. Denn genau dort wo du heute vielleicht noch deine größte Schwäche vermutest, liegt oft eine deiner größten Fähigkeiten.
Und vielleicht beginnt genau heute deine Reise zurück zu dir.
Von Herzen,
Marie Christine
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